Gemeinde Dobritz ...
... das Tor zum Fläming
 

Dobritzer Chronik


Ein Auszug aus “Erlebten und gehörten Geschichten” von
Otto Siegert (geb. 30. Oktober 1877). Dieser war fast 46 Jahre Obergärtner bei den Herren von Kalitsch.

Mein lieber Heimatort Dobritz:
Der Name stammt aus der wendischen Zeit und bedeutet Dober gut und itz heißt Ort, also “guter Ort”, worüber sich oft russische Soldaten gewundert haben, namentlich Offiziere. In der Urzeit waren hier immer Germanen, davon zeugen noch viele Funde von Urnen und Geräten aus der Steinzeit. Die Anlage des Dorfes ist natürlich wendischen Ursprungs. Dies kennzeichnet die Anlage des Dorfplatzes. Um 1300 wird der Dorfname erstmalig in Urkunden genannt.

Die schöne alte Kirche “St. Blasius”, aus Findlingen erbaut, soll aus dem 14. Jahrhundert stammen. Unter dem Altar der Kirche sollen die Gebeine der Familie v. Wallwitz ruhen. Auch soll das große Kreuz in der Kirche aus der katholischen Zeit mit eingebaut sein. Die Gedenktafel ist noch von der Familie v. Wallwitz am Eingang der Kirche von außen eingemauert. Leider ist die Schrift nicht mehr zu lesen, da die Tafel vor dem Altar lag und die Schrift in den vielen Jahren ausgetreten ist. Die Kirche galt in den früheren Jahren als Wallfahrtskirche, wobei den Menschen das Halsleiden vergangen sein soll. Auch soll Dr. Martin Luther auf der Durchreise hier gepredigt haben. Das Bild in der Kirche, der erste Herr v. Kalitsch, Rudolf, mit den beiden Damen, soll von einem berühmten Maler geschaffen worden sein. Die beiden ersten Ahnfrauen sind leider nicht in der Gruft. Ihr Verbleib ist nicht bekannt. Ich vermochte es nicht zu ergründen.

Die Bauernkriege vor der Reformation haben arge Verwüstungen hinterlassen. So ist das Walddorf “Rußdorf” gänzlich zerstört worden. Es lag O.S.O. vom Deetzer Teich an der Stelle des Jagen 54 und 67/68 im Dobritzer Forst am Rußdorfer Weg. In Dobritz ist zu dieser Zeit nichts geschehen. Die Urkunden darüber sind leider vernichtet worden. Während des 30-jährigen Krieges, 1618-1648, brannte der obere Kirchturm ab. Auch haben in damaliger Zeit böse Krankheiten, wie Pest, Typhus, Cholera, Pocken u. a. viele Menschen dahingerafft.
                                                                 
Lange Jahre hat es gedauert, ehe sich die Menschheit wieder richtig zusammenfand und erholte. Der Kirchturm konnte erst wieder im Jahre 1808 aufgebaut werden, wie er heute noch steht. Mein Chef, Herr Ernst v. Kalitsch, hat die Kirche zu Anfang 1900 wieder schön renovieren und auch die Orgel später überholen und mit elektrischem Antrieb versehen lassen, sodaß das Balgentreten wegfiel. Auch eine Heizung wurde durch ihn eingebaut. Ebenfalls kam nach 1918 eine neue zweite Glocke in den Turm, sodaß wieder zwei Glocken geläutet werden konnten.

Das erste Schulhaus wurde im Jahre 1585 erbaut und stand an der nördlichen Seite des jetzigen. Das jetzige Schulgebäude steht auf dem alten Friedhof und ist 1882 errichtet. Aus der Gemeinde Dobritz sind durch Bemühungen der Herrschaft Geistliche und Lehrer hervorgegangen.

Im alten Gasthof “Zum grauen Wolf” kamen über 100 Jahre die Geistlichen aus dem nordöstlichen Teil des Kreises Zerbst alle Montage nach dem Ersten zusammen. Sie kamen mit ihren Frauen zu Fuß, per Rad oder manche auch mit der Kutsche. Nach Beendigung der Sitzung wurde dann meist der Park mit seinem Dammwildbestand besucht, ca. 100 bis 115 Stück Dammwild, zumeist Hirsche, ergingen sich im Tiergarten. Der Park war s. Z. sehr gepflegt, schöne Blumen und Blütensträucher und alte seltene Bäume konnte man da bewundern. Die Gäste kauften sich wohl auch manch seltene Blumen und Früchte, besahen sich wohl auch die von mir geführte Gärtnerei und deren Kulturen. Sie nahmen auch gern Hinweise für ihre oft vorbildlichen Gärten daheim mit.

Desgleichen kamen auch seit alten Zeiten die Lehrer der Umgebung in Dobritz zu schuligen Aussprachen zusammen.

Dobritz liegt im nördlichen Teil des Kreises Zerbst und wird von drei Seiten von vorwiegend Kiefernwald umsäumt. Auch war im Forste ein sehr gepflegter Wildbestand an Rothirschen, Dammwild, Schwarzwild, Rehen und z. Tl. auch Hasen.

Die Polizei des Waldes, die Rotröcke, wurden nicht gerade geschont, mußten öfters mal kurzgehalten werden, während unsere gefiederten Polizisten, die kleinen Meisen, äußerst gehegt wurden. Hunderte von Nistkästen waren im Forst aufgehängt und unterlagen einer ständigen Kontrolle, ob besetzt, und der Reinigung in der Winterzeit. Auch ist noch heute ein guter Baumbestand von wertvollen Kiefern, den sogenannten Gottlobskiefern und die im Jagen Landwehrhau, vorhanden, so sie nicht in den Kriegsjahren und vor allem kurz nach dem Kriege durch die Besetzungsmacht der Axt verfielen. Die früheren Besitzer mußten gute Landwirte sein und auch Forstakademie besucht haben und außerdem einen Beruf als Tischler oder Drechsler erlernen, jenachdem Talente gebraucht wurden. Alle Tage mußten von den Besitzern selbst Bäume für den Einschlag ausgezeichnet werden, da keine Kahlschläge in diesem Dauerwaldbetrieb mehr gemacht wurden. Auch reparierten sie selbst schadhaft gewordene Wildgehege zum Schutze der Schonungen und der Feldpläne. Hammer und Nägel wurden stets in der Tasche mitgeführt, sowie eine Säge im Wagen.

Dobritz wurde von zwei Verkehrsstraßen berührt. Die Kreisstraße Zerbst nach Wiesenburg, Richtung Berlin, und die abzweigende Straße nach Deetz. Die Chaussee Zerbst - Wiesenburg wurde 1860 erbaut, wurde also 1960 100 Jahre alt. Damit auch der Ort Grimme etwas von der guten Straße hatte wurde von der Dobritzer Herrschaft Land zur Verfügung gestellt. So ging der alte Reudener Weg ein und die Straße konnte begradigt werden. Erst in neuerer Zeit wurde die Straße nach Grimme chaussiert. Die Bepflanzung der Straße mit Linden, Rotdorn und Obstbäumen wurde damals von der Gutsverwaltung durchgeführt. Auch die Platanen, die rotblühenden Kastanien und die Pyramideneichen wurden von dem damaligen Gärtner Schneider angepflanzt. Erst in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg gingen die Obstbäume an den Kreis über. Die Straße nach Mühro wurde vor dem ersten Weltkrieg angelegt. Die Straße nach Deetz war früher ein sehr schlechter und krummer Weg. Er konnte erst im Jahre 1920, in der Inflationszeit, begradigt und chaussiert werden. Die Straße Zerbst - Wiesenburg ist noch heute in gutem Zustand.

 

Die Bewohner von Dobritz sind hauptsächlich Bauern, die heute in einer L.P.G. (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) zusammengeschlossen sind. Es werden hauptsächlich Roggen und Hackfrüchte angebaut. Die Produkte wurden auf dem Bahnhofe in Deetz verladen. Vor dem zweiten Weltkriege kamen große Lastzüge von Wiesenburg her und holten die Speisekartoffeln ab und fuhren gleich in die Großstädte und Industriegebiete. Dies war eine schöne Einrichtung, da es schneller ging und alle Lieben hatten gute Kartoffeln.

Die Eisenbahn Berlin - Güsten sollte ursprünglich über Reuden und Dobritz nach Zerbst geführt werden, jedoch die Bürger von Zerbst wollten keine Eisenbahn, um nicht die lieben Fuhrleute zu schädigen. In Dobritz sollte der Bahnhof dorthin kommen, wo heute der neue Friedhof liegt. Letzterer ist im Jahre 1897 angelegt worden. Er war mit einem schönen Lattenzaun eingefriedigt. Auch war eine schöne Hecke von Blütensträuchern drum, welche es heute fast nicht mehr gibt. Ich möchte nur den Perückenstrauch erwähnen, den kennt heute keiner mehr.

Auch tüchtige Handwerker waren im Orte, u. a. eine große moderne Tischlerei, Stellmacher, Zimmerer, Maurer, Fleischer, Bäcker und Elektriker. Unser Dorf bekam 1914 elektrisches Licht. Ein großer neuer Kaufladen, heute Konsum, versorgte die Einwohner mit Kolonialwaren, Genußmitteln, Sämereien und Futtermitteln, sogar mit Textilien und sonstigen Bedarfsgütern. Es fehlte s. Zt. an nichts, was mal nicht da war, wurde sofort besorgt ohne alle Planung.

Die Kultur spiegelt sich in den beiden Gasthöfen mit Saal wieder in Form von Theater, Konzert, Kino und Tanz, wie auch in Versammlungen jeglicher Art. Ja, sogar unser Landrat Wagener vom Kreise Zerbst wurde hier im festlich geschmückten Saal im September 1956 gewählt. Nach Dobritz kamen viele liebe Menschen aus Dessau oder sonstwoher und ergingen sich gern im Park und Tiergarten und in unserem schönen Dobritzer Forst. Viele sagten, warum in die Ferne schweifen, wenn das Schöne liegt so nah. Dann fuhren sie gern nach Lindau dem Kurhaus oder nach Zerbst zu Bitterbier und Brägenwurst.

So sagte mir einmal Frl. Anna v. Kalitsch: Ein Herr sei extra nach Paris gefahren, um sich dort einen guten Zylinder zu kaufen. Er mußte dann später, als ein Schaden daran auszubessern war, erfahren, daß dieser schöne Hut aus Dessau bei Osterland entstanden war.

Zwei alte schöne Teiche mit Karpfen, der Brauteich und der Mühlteich, verbunden durch Wasserläufe, verschönten das Parkbild. Im Oktober jeden Jahres wurde gefischt. Am südlichen Teil bzw. südwestlichen Teil des Gutes befand sich eine Mahl- und Schneidemühle, welche die Hölzer, die nicht schon im Forst rund verkauft wurden, als Schnittware in den Handel brachten. Die alte Schneidemühle, welche 1922 abgebrannt war und die ich noch gekannt habe, stammte noch aus der Zeit des 30-jährigen Krieges. Diese alte Mühle hatte eine Familie Bunge, von welcher noch die Altarleuchter aus Messing stammen, als Pächter wohl über 200 Jahre betrieben. Leider ist diese alte Familie nicht mehr in Dobritz ansässig. Der alte Bunge war ein sehr gefürchteter Mensch ob seiner Rauhbeinigkeit. Mit seiner groben derben Stimme flößte er vielen Menschen Angst und Bange ein. Er war aber gar nicht so schlecht, wie er sich aufführte. Ich mußte ihn sogar mit dem traulichen Du anreden. Von ihm habe ich viel über Dobritz erfahren. Am oberen Mühlteich am Polenzkoer Weg stand früher auch eine Wassermühle, ein Mahlmühle. Der letzte Pächter war der Müller Einhenkel. Ein Sohn davon hatte Gärtner gelernt und hatte in früheren Jahren mit Herrn Ernst von Kalitsch immer Kahn gefahren. Mein Chef besuchte im 75. Lebensjahr noch einmal seinen Spielkameraden. Beim Abschied sagte er zu mir, es wäre noch einmal ein Sonnentag in seinem Leben gewesen, er durfte auch noch Du zum Herrn sagen. Sie tranken noch einmal Kaffee zusammen und nahmen Abschied fürs Leben.

Am südlichen Teil des Hofes lag die Brennerei, welche die überschüssigen Kartoffeln zu Spiritus verbrannte. Die Rückstände, die Schlempe, war ein vorzügliches Futter für das Rindvieh und für die Schafe. Bei der Ernte angefrorene und sonstige Futterkartoffeln wurden gleich auf den Wagen mittels Dampf der Brennerei gedämpft und siliert, sodaß an Futtermittel nichts verloren ging.




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